Tag 9: Istanbul – Buras – Eskisehir – Polatli – Haymana
Der Wecker läutet um 05:30. Da stört es diesmal nicht, daß sich der Muezzin die Seele aus dem Leibe singt. Rein ins Gewand unter runter mit den Packtaschen. Es ist noch angenehm kühl und die Stadt ist noch relativ ruhig. Die beginnende Dämmerung verspricht einen schönen Tag. Wir fahren die kurze Strecke bis zur Fähre. Gut, daß wir uns die Strecke schon zuvor angesehen haben. Sind zeitig dran aber nicht die Ersten. Etliche Fahrzeuge sind bereits da. Wir nutzen die Zeit und schmieren unsere Ketten. Wenig später kommt Bewegung in die Warteschlange. Die Fähre öffnet ihre riesige Klappe und rein geht es in den dunklen Bauch. Wir sichern unsere Motorräder und suchen uns einen Platz. „Der wäre schön“, sagt Henry. Stimmt. Aber leider nicht unserer. Also setzen wir uns ins Restaurant und frühstücken erst mal. Die Abreise mit der Fähre hat 2 Vorteile. Du ersparst dir die Fahrt durch Istanbul und du kannst auf der Fahrt in den Süden Richtung Bursa nochmals die Silhouette Istanbul in der aufgehenden Morgensonne genießen. So macht reisen Spaß. Um 09:00 Uhr sind wir in Bursa. Wir tanken, kontrollieren die Luft, spannend wie diese türkischen Luftpumpen funktionieren und fahren Richtung Osten los. Gute Straßen und endlose Gerade führen uns Richtung Eskisehir. Vereinbart ist ein Stopp bei einer Tankstelle, um zu tanken bzw. etwas zu trinken. Dabei verlieren wir Bruno. Aber mit der heutigen Möglichkeit zur Nutzung des Handys, ist es einfach nur eine Frage der Zeit, bis man sich wieder findet. Und so ist es auch diesmal. Während wir rasten und Tee trinken, kommt auch Bruno wieder. So einfach kann es sein. Wir wollen zahlen und gehen. Und da ist er wieder, dieser so andere Türke als jener, den wir aus Wien kennen. Er läßt sich nichts bezahlen. Kann weder Deutsch noch Englisch, aber ist einfach nur nett. Ich kann es mir nur mit der sprichwörtlichen Gastfreundschaft erklären. Diese Situation wird sich auf unserer Reise noch des öfteren wiederholen. Weiter geht es nach Polatli und dann nach Haymana. Hinter Polatli fehlt der Asphalt. Kein Problem. Erstens ist es eine gute Piste, welche nur noch darauf wartet, asphaltiert zu werden und zweitens hatten wir solche Situationen schon auf vorherigen Reisen. Einziges Thema sind Steine, welche von entgegenkommenden Fahrzeugen aufgewirbelt werden und ungut werden können, falls er dich trifft. Kommen durstig in Haymana an und gehen erst mal etwas trinken. Dort werden wir wieder sehr höflich bedient. Auf die Frage, natürlich in Deutsch, wo wir nächtigen können, empfiehlt er uns das im Ort befindliche Thermenhotel. Er geht gleich mit, weil der Manager ja eh sein Schwager ist. Sehr nett. Auf die Frage, woher er denn so gut Deutsch kann, antwortet er: „ Ich bin Fleischhauer am Meiselmarkt in Wien“. Unglaublich! Mitten in Anatolien triffst du einen Menschen, der in Wien arbeitet und dir hilft. (Wer hilft in Wien schon einem Türken? Schlimm, oder?). Natürlich bekommen wir einen guten Preis und schöne Zimmer. Muß jetzt nicht erwähnen, daß wir uns im Freibecken wiederfinden, und die vor uns liegende Landschaft genießen. Toll, wie sich diese in Abhängigkeit des Lichteinfallswinkels der untergehenden Sonne verändert. Essen ist ab 20:00 Uhr. Nicht ungewöhnlich mitten im Ramadan. Und doch war es anders. Wir kommen kurz vor 20:00 Uhr in den Speisesaal und werden von den türkischen Gästen aufgefordert, rasch ans Buffet zu gehen. Sehr höflich, dachten wir. Aber wozu die Eile? Bis 20:00 Uhr und nicht ab 20:00 Uhr. So lautete der Zeitplan. Und dann steht plötzlich dieser Junge neben uns am Tisch und spricht mit uns. Türkisch. Wir versuchen es so gut es geht. Er will uns fotografieren. Na klar. So Exoten muß man knipsen. Dann kommt auch noch seine Schwester. Und die Großfamilie nickt uns wohlwollend zu. Und dann müssen wir noch versprechen, auf einen Kaffee in den Fernsehraum zu kommen. Und da sitzen sie dann. Er, das uneingeschränkte Familienoberhaupt. Und um ihn seine Frau oder Frauen, Tanten, Mütter und Kinder. Einfach alle. Unterhaltung auf türkisch, wir mit Händen und Füssen. Ich sitze neben dem Vater und er zeigt mir stolz Bilder seiner erwachsenen Söhne, die in Deutschland arbeiten. Er erzählt lange. Macht nichts, daß wir nichts verstehen. Wir haben einfach die Herzlichkeit genossen, mit welcher diese Familie uns Fremden entgegengekommen ist. Nachdem Genuß des von dem Jungen unter Mithilfe seiner Mutter zubereiteten Kaffee, gehen wir zu Bett.
Kappadokien
Tag 10: Haymana – Kulu – Sereflikochisar – Nevsehir – Göreme
Über wenig befahrene Straßen reisen wir durch Anatolien. Unglaublich diese Größe dieses Landes. Blauer Himmel, abgeerntete Felder, sanfte Hügeln und ab und zu eine Wegkreuzung. Wir bleiben stehen, packen unsere Karten aus und versuchen uns zu orientieren, welcher der bessere Weg für uns wäre. Bleibt ein Auto neben uns stehen, mit einem alten Mann mit Turban am Beifahrersitz, aber auf dem Fahrersitz ein junger Mann. „Kann ich euch helfen“ fragt er in einem für Wien Favoriten typischen Dialekt. Es ist einfach, in der Türkei zu reisen. Nach kurzem „Palaver“ ist die Richtung klar und wir verabschieden uns. Den nächsten Stopp machen wir in der Nähe von Kurutlutepe, direkt an einem Salzsee. Unendlich groß, glatt, blendend, schön. Natürlich spazieren wir bald darauf mit unseren Motorradstiefeln auf diesem gleißenden Weiß herum. Das andere Ufer ist nur schwer in der flimmernden Luft erkennbar. Da durch? Sicher nicht freiwillig. Da schon lieber zurück und noch ein Cola bestellen! Als wir zu unseren Motorrädern gehen, welche von einem alten Türken gegen ein kleines Bakschisch „bewacht“ wurden, treffen wir Italiener mit 3 Motorrädern auf dem Weg nach Istanbul. Waren eigentlich die einzigen wirklichen Motorradtouristen, welche uns auf unserer Reise begegnet sind. Eigenartig, aber wahr. Nach kurzem Informationsaustausch fährt jeder weiter in seine Richtung. Wir in Richtung Göreme. Dabei führt uns die Strecke über einen kleinen Pass unweit des Salzsees. Du kommst oben an und bist sprachlos. Vor dir das dunkelblau eines Sees umrahmt von abgeernteten Getreidefeldern und hinter dir das blendende Weiß des Salzsees. Unglaublich dieser Gegensatz. Einsam und beeindruckt von der Schönheit der Landschaft fahren wir unserem Etappenziel entgegen. Bis David plötzlich in einer schwarzen Rauchwolke verschwindet. Der Grund dafür ist der stärker gewordene Wind, welcher das Feuer und die damit verbundenen Rauchschwaden der von den Bauern angezündeten Felder gefährliche nahe der Straße treibt. Also Augen zu und durch. Und dann sehen wir es. Die weltberühmten Tuffbauten aus Kappadokien. Sieht wirklich aus wie Schlumpfhausen. Einfach toll. Wir erreichen am späten Nachmittag unser vorbestelltes Quartier Les Terrasses D´Uchsiar, welches von Franzosen geführt wird. Schöne Zimmer, eine große Terrasse mit Blick auf alles, was Kappadokien zu bieten hat. Herrlicher Ausblick in der untergehenden Sonne. Und das alles bei einem feinen, kalten Bier. Was willst du mehr.
Tag 11: Kappadokien
Was ist denn das für ein Höllenlärm, so zeitig in der Früh? Ein Blick aus dem Fenster und ein Spektakel der besonderen Art spielt, sich vor unseren verschlafenen Augen ab. 40 bis 50 bunte Ballone schweben am blauen Himmel in der Morgensonne. Und die Brenner machen halt mal Lärm. Ein besonderer Anblick, wie sie da so an unserm Fenster vorbeischweben. Unter sich die märchenhafte Landschaft Kappadokiens. Auch für uns wir es Zeit. Schließlich haben wir ebenfalls eine Ballonfahrt gebucht. In rasanter Fahrt verfolgen wir einen zur Landung ansetzenden Ballon, gefüllt mit mindestens 20 Leuten. Ist es Zufall, daß „unser“ Ballon ein Werbeträger des Effesbier ist? Wir werten es als gutes Ohmen. Kurze Zeit später sind wir Teil der zweiten Gruppe, welche an diesem Tag diesen Ballon nutzt. Mit einem lauten Pfauchen des Brenners verlassen wir den Boden und überlassen uns dem Spiel der Winde und dessen Strömungen. Für David und mich ist es die erste Fahrt mit einem Ballon. Henry ist bereits Baronin von irgendwo. Spektakulär, diese Aussicht von oben. Wenn der Ballon nicht gerade befeuert wird, und auch die Mitfahrer in dem Ballon leise sind, gleitest du über eine Landschaft, die einzigartig, ungewöhnlich aber doch real ist. Kein Wunder, daß diese Gegend als Weltkulturerbe anerkannt wurde. Und wie knapp wir an diesen Felsen vorbeifahren. Oft sind es tatsächlich nur wenige Zentimeter, die den Ballon von dem Tuffstein trennen. Unglaublich, was der Pilot da zeigt. Mitten durch zwei Spitzen vor uns, dann wieder rauf in den Himmel, um gleich darauf wieder eine Baumkrone zu streifen. Wir sind begeistert. Viel zu schnell erfolgt das Kommando „Fertigmachen zur Landung“. Alle gehen in die vorher gezeigte Kauerstellung mit dem Rücken in Fahrtrichtung. Ein leichter Schlag, ein langsamer Kippvorgang des Korbes und schon bewegt sich nichts mehr. Die asiatischen Gäste springen aus dem Korb, werden von ihrem Guide in den Bus verfrachtet und fort sind sie. Und ruhig ist es wieder geworden. Während wir den obligaten Sekt schlürfen und uns für die schöne Fahrt beim Piloten bedanken, keucht und schwitzt die „Crew“ um das Gefährt auf den Anhänger zu verstauen. Keine leichte Aufgabe, wie man sehen kann. Mit einem Besuch der Bergruine lassen wir es dann für diesen Tag gut sein.

